Texte von René Böll  
 

René Böll
"Zur Ausstellung in Achill Island"

Das erste Mal kam ich 1955 als Sechsjähriger nach Achill und verbrachte während der nächsten zehn bis zwölf Jahre mehrere Wochen, oft sogar viele Monate hier im Jahr. Wir kamen ja aus Köln, aus einer damals völlig zerstörten Stadt. Dann diese Landschaft hier zu erleben, war beeindruckend und auch prägend. So wurde Achill Island ein wichtiger Teil meiner Kindheit und Jugend, eine zweite Heimat. Als Kinder konnten wir hier viel unternehmen. Tagsüber draußen, auch wenn es regnete und stundenlang am Wasser, im Meer. Hier gingen wir oft monatelang nicht zur Schule. Die Stadt habe ich nie vermißt, weil es hier einfach immer spannend war. Später hatten wir ein eigenes Boot und waren sehr viel allein unterwegs. Das mache ich heute immer noch gerne, mit dem Boot hinausfahren. Es ist ein ganz unterschiedliches Erlebnis, die Insel vom Meer aus zu sehen als vom Land aus.

Ich glaube, daß die Landschaft Achills, die Moorseen, die Berge, Klippen, das Meer, für meine künstlerische Entwicklung sehr wichtig waren. Hier habe ich schon als Kind gemalt, und später arbeitete ich hier meine ersten Monate als freier Maler und bis heute komme ich immer noch für kurze Zeit nach Achill und besuche dieselben Stellen, um dort zu skizzieren. Diese Skizzen sind aber nicht ein Abbild der Landschaft, sondern eher ein Konzentrat. Dazu mache ich mir Farbnotizen, meist Dreiklänge, die zusammengehören oder Vier- und Fünfklänge, ähnlich wie in der Musik. Ich habe Hunderte von Notizen. Damals malte ich viel häufiger noch im Freien, heute brauche ich Abstand und male lieber im Atelier. Was ich dann male, ist eigentlich keine Abbildung einer Landschaft, sondern ihre Essenz, mein gefühlsmäßiger Eindruck.

Der Slievemore war der erste Berg, den ich als Kind wahrgenommen habe. Sicher habe ich vorher andere gesehen, aber für mich ist und bleibt "Berg" gleich "Slievemore". HAP Grieshaber hat einmal gesagt, ein Maler sehe die Welt mit den Augen eines Kindes, ich glaube, da ist viel Wahres dran. Die Landschaften aus jener Zeit sind gar nicht so verschieden von denen, die ich heute mache. Ich bin eher wieder zu meiner früheren Art zu malen zurückgekommen. Es sind die oft scheinbar einfachen Linien, ein Bergrücken, eine Klippe, die das Gesicht der Landschaft prägen, die "Achill signatures", die ich nun auch in Druckgraphik umzusetzen versuche. Die Farben der Landschaft wechselt ständig, und dies ist es, was mich als Künstler interessiert und inspiriert, nämlich die Farben der Natur wiederzugeben, nicht die künstliche Welt der Großstadt. Ein solches Zusammenspiel von Wasser, Bergen und Meer gibt es sehr selten, so hohe Berge direkt am Meer und eine so vielfältige Landschaft dazu: Flachland, Moorlandschaften, Moorseen. Wo violette Karseen wenige Meter über dem grünen Meerwasser liegen. Solche Stellen finde ich sehr interessant. Und die Gewalt der Elemente: Wasser, Wind, Sturm, Kälte, Dunkelheit, alles viel elementarer als bei uns. Man sieht einen wirklich dunklen Himmel. So etwas gibt es in Deutschland kaum. Von vielen Menschen wird die Dunkelheit als bedrohlich empfunden, ich fühle mich in ihr geborgen und zu Hause. Dunkle Farben sind sehr verpönt in der Kunst, ganz zu Unrecht, wie ich finde.

Seit Jahren versuche ich, einen bestimmten See auf Achill zu malen, aber es gelingt mir nicht. Irgendwann schaffe ich es. Ein fast ovaler Karsee in einer Felsschlucht, die steil zum Meer abfällt, ein ganz einfaches Motiv. Aber gerade weil es so einfach scheint, ist es so schwierig. Diese Stelle hat eine unheimliche Kraft. Der See ist oft sehr dunkel, manchmal violett. Aber er kann auch grün sein, es hängt ganz vom Licht ab. Ich wollte den See auch mal bei Nacht und im Morgengrauen erleben.Ich war im Nebel da, allein. Ich konnte nichts Künstliches sehen. Das hat mir sehr gefallen. Eine sehr meditative Stimmung, man spürt, daß die Natur lebt, auch ein Stein, ein See, ein Berg lebt. Für mich sind das alles sehr lebendige Dinge. Doch dazu muß man allein sein, um das intensiv zu erleben.

Die Landschaft auf Achill Island hat mich insgesamt in meiner Malerei, auch in der Arbeit mit chinesischer Tusche, sehr geprägt, und sie inspiriert mich bis heute.

 
 
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